Quarantänealltag

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Strategien für ein fröhliches Überleben während einer Quarantäne ...mit Corona-krankem Mann, zwei Kindern und einem Baby

Teil 2

Im Boot darf auch mal bisschen Wasser sein

Man muss sich ja vor Augen führen, dass ich keine Nacht durchschlafe. Das Baby ist acht Monate alt und bekommt gerade seine Schneidezähne. Zusätzlich hat es Schnupfen und eine Ohrenentzündung. Es schläft nicht nur nicht durch, es brüllt teilweise alle zehn Minuten. Das war nicht jede Nacht während der Quarantäne so, aber es war doch zwei Nächte lang besonders schlimm. Ich frage mich, warum meine Fee nicht gezaubert hat, dass das Baby gesund wird und durchschläft! Mein Vergangenheits-ICH, hätte das mal lieber noch zum Wunsch hinzufügen sollen.

Jedenfalls ist es wirklich anstrengend, sich nach so einer Nacht von sechs Uhr früh bis 21:30 Uhr non-stop um zwei Kinder, ein Baby um den Rest zu kümmern.

Nach drei Tagen bekam ich ein Haushalts-Burn-out. Ich wollte so gerne mit meinen Kindern ein Spiel spielen oder etwas basteln. Stattdessen war ich permanent am Geschirrspüler ein- oder ausräumen, am Küche aufräumen, Essen zubereiten, Staubsaugen, Spielzeug wegräumen, Wäsche waschen, Wäsche abnehmen, Wäsche wegräumen, Wäsche aufhängen. Jede Tätigkeit dauerte lang, weil sie mindestens dreimal von Babykümmern unterbrochen wurde. Es war wirklich zum Verrückt werden. Da habe ich beschlossen nichts mehr zu machen. Nur mehr Kinderkuscheln und Spiele spielen und Basteln und plaudern und lachen. Mein Mann hat gegen den Haushalt gekämpft, aber das Chaos rund um uns stieg langsam immer weiter an.

Es war wie ein sinkendes Boot. Man muss die ganze Zeit das Wasser raus schöpfen, wenn man nicht will, dass es unter geht. Aber alleine ist es eben anstrengend, vor allem, wen man nur einen Zahnputzbecher zur Verfügung hat, der gleichzeitig das einzige Spielzeug des Babys ist.

Man muss akzeptieren, dass man immer Wasser im Boot hat, obwohl man es dauernd raus schöpft.

 

Hilfe annehmen

Unsere Familie und unsere Freunde haben alle ausnahmslos sofort angeboten uns zu helfen.

Es hat sich dann rasch so ergeben, dass wir jeden Tag von jemand anderem im Radl mittags bekocht wurden. Wir haben uns etwas gewunschen, und es wurde uns vor die Haustüre gestellt. Das war herrlich. Nur gegen Ende der Quarantäne haben wir ein kleines Tupperware-Durcheinander bekommen.

Fehlte nur noch jemand, der die Wäsche wäscht, oder? „BING!“, machte meine Fee, und mein Handy auch. BING. SMS von meiner Mama: „Stell mir die Schmutzwäsche raus, ich wasch sie dir und bring sie wieder. Hab keinen Trockner, deshalb dauert es zwei Tage.“

Was war das für ein Moment des Glücks! Sofort ruf ich meine Fee und frag sie, ob sie auch wen zaubern kann, der für mich putzt. Aber sie sagt nein. Putzen muss ich selber. Weil das Baby durch die ganze Wohnung robbt und jedes Bröserl das es findet untersucht und dann isst.

 

Ich stehe auf derselben Seite wie meine Kinder

Meine beiden großen Jungs, sind mit ihren sechs und acht Jahren gerade im Harry Potter-Fieber. Somit gab es eine Liste am Kühlschrank auf der „Huffledor“ stand. Denn einer gehörte dem Haus „Hufflepuff“ an, und der andere war nun mal ein „Gryffindor“. Durch die Zusammenlegung der Häuser wurden auch „die Punkte“ zusammengeführt, die es gibt, wenn man etwas gut macht. Ich lese nicht gerne Erziehungsratgeber. Ich mach das so, wie es für uns gut funktioniert. Mag sein, dass das alles eine schlechte Idee war, die generell total verwerflich ist, aber in diesem Moment, in dieser Situation hat sie bei uns gut reingepasst. Denn die Punkte sind Minuten der Bildschirmzeit. Und von nun an, wurde alles, was mich sonst den letzten Nerv kostet, umgewandelt in Möglichkeiten Punkte für „Huffledor“ dazu ergattern und somit, die Bildschirmzeit von einer Stunde täglich zu verlängern. Mir war wichtig, dass es nur Gutpunkte gibt und keine Abzüge. Das macht immer so negative Stimmung und ich will auf derselben Seite sein, wie meine Jungs. Und so hat es sich ergeben, dass sie ganz viele Dinge einfach total brav ganz von selbst gemacht haben.

Und das Beste kommt erst noch: Auf einmal war so viel Bildschirmzeit, dass sie geteilt werden musste. Und zwar aufgeteilt auf Vormittag und Nachmittag. Immer während den Schläfchens des Babys! Tadaa!!! Somit hatte ich meine heilige Alleinezeit. Denn das ist das, was ich brauche. Eine Stunde am Tag, in der ich alleine bin. In der sonst keiner im selben Raum ist. In der mich niemand anspricht. In der ich keinen sehe. Diese Stunde ist mein Akku. Sie ist mein Überleben. Sie ist mein Seelenheil.

Ohne diese Stunde kann ich drei Tage gut weiter leben. Aber dann werde ich trübsinnig. Und müde und genervt. Deshalb war sie mein must-have während der Quarantäne.

Was ich in der Stunde gemacht habe? Meistens hab ich aufgeräumt und sauber gemacht, mich um die Wäsche gekümmert und Obst- und Gemüseteller zubereitet. Aber währenddessen habe ich Podcasts gehört und ich konnte alles so machen wie ich es will. Selbstbestimmt und vor allem ohne unterbrochen zu werden. Auch eine Brunch-Pause war meistens dabei. Wenn ich um halb sieben in der Früh frühstücke, hab ich einfach um zehn Uhr wieder Hunger. Und da saß ich dann, ganz alleine am Tisch, mit herrlichen Köstlichkeiten, einem koffeinfreien Cappuccino oder einem Tee, dazu mein Handy oder mein Tagebuch. Einfach ungestört sein. Einfach alleine sein. Eine Wohltat.

Am Nachmittag hat sich das Ganze dann wiederholt. Nur, dass ich da oft schon sehr müde war und hin und wieder direkt neben dem Kleinsten eingeschlummert bin. Tief und fest an einen anderen, weit entfernten Ort. In dem ich fliegen kann, und der kein Corona kennt.

Jour fix war nach meinem Haushaltskollaps ein Brettspiel mit meinen beiden Großen. Ich liebe spielen und meine Jungs auch. Es macht so viel Spaß.

Schwierig gestaltet haben sich die Abende. Deshalb habe ich mich von der Vorstellung eines kinderlosen Abends getrennt. Jedes Kind braucht jeden Abend exklusive Mamakuschelzeit. Mamaplauderzeit. Ich habe sie ihnen meistens gegeben. Dann bin ich auch ins Bett gefallen.

Das hat mir persönlich am meisten weh getan. Dass die Tage kein Ende hatten. Es gab kein um 21:00 Uhr -was ja eh schon reichlich spät ist- kehrt Ruhe ein. Es war non stop. Meist in eine Nacht voller Weinen wegen Zahnweh oder wegen was auch immer, in einen neuen Morgen.

 

Trotzdem bewegen

Und so vergingen die Tage. Unsere Terrassen wurden im Spiel zu unseren beiden Gärten und ich ging auf ihnen auf und ab spazieren wie eine Löwin im viel zu kleinen Käfig des Tiergartens, in dem sie irre geworden ist. Ich hatte das Baby im Tragetuch und gemeinsam lauschten wir gespannt den Geräuschen der Krähen, der Autos, des eisigen Windes, der Kinder, die manchmal im Hof spielten und meine Augen erfreuten sich daran in die Ferne zu sehen, Kilometer weit. Das tat gut. Und mein Schrittzähler zählte über tausend Schritte bei einem Spaziergang und das freute mich.

 

Mindset-Anker sichtbar machen

Auf meinem Kalender, den ich hundert Mal am Tag im Vorbeigehen sah, stand: „Ganz leicht, jetzt!“.

 

Wie durch ein Wunder haben sich weder meine Kinder noch ich mich mit Corona ansteckt. Dafür bin ich wirklich dankbar. Wir sind mit einem ganz leichten blauen Auge davongekommen.