Nachtdienst – mindset-shift

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love it, leave it or change it

Es ist kein Geheimnis, dass ich kein Fan von Nachtdiensten bin. Mir graut sogar davor. Zum Beispiel, weil ich alle Arten von Schlaf liebe. Vor allem ausschlafen und durchschlafen – beides mach ich leider äußerst selten, seitdem ich Kinder habe.

Nachtdienst zu haben heißt nun mal auf jeden Fall weniger und auch schlecht zu schlafen. Denn es ist ja nicht sehr erholsam, wenn man jederzeit wieder geweckt werden kann und sofort arbeiten muss. Womöglich befindet man sich sogar aus dem Schlaf heraus in einer Notsituation, in der es um Leben und Tod geht.

Ich gehöre zu der Art Mensch, die gerne einen Plan hat und weiß, was auf einen zukommt. Im Nachtdienst weiß ich nicht was passieren wird. Es ist alles offen. Klar, es wiederholt sich immer wieder, aber gerade während der Ausbildung ist vieles neu, vor allem wenn man häufig die Abteilung wechselt.

Um mir meinen Grauen zu nehmen, habe ich mir deshalb überlegt, was an Nachtdiensten eigentlich schön ist. Und siehe da, mir sind rasch einige Punkte eingefallen, die ich hier gerne mit euch teilen möchte.

  1. Verbundenheit

Während meinem Studentenleben habe ich beobachtet, dass es einen sicheren Weg gibt Freundschaften zu schließen. Leute, die man auf der Uni vom Sehen her kannte, begrüßt und manchmal geplaudert hat, wurden zu dicken Freunden, sobald man abends gemeinsam unterwegs war und das eine oder andere alkoholische Getränk miteinander genossen hatte. Nach einem lustigen Abend gab es eine feste und enge Beziehung. Ich liebe persönliche, starke Beziehungen sehr.

Wenn man mal einen Nachtdienst zusammen hatte, dann ergibt sich eine ähnliche Ebene von Beziehung zu den KollegInnen. Im Nachtdienst werden die Gespräche tiefgehender und man kämpft sozusagen gemeinsam für eine Sache. Denn nachts ist meist viel weniger Personal da als tagsüber. Vor allem meine Beziehungen zu den Pflegekräften sind während den Nachtdiensten viel stärker geworden. Man lernt sich besser kennen und schätzen.

Dieser Zusammenhalt und die Verbundenheit sind riesen Geschenke des Nachtdienstes.

  1. Keine Kinder

Ich mag es, wenn ich mal abends die Kinder nicht ins Bett bringen muss. Ich liebe meine Kinder und ich bringe sie gerne ins Bett, aber ich genieße es auch, wenn ich es mal einen Abend nicht mache. Sehr sogar.

  1. Lecker Essen

Ich habe immer Unmengen an kulinarischen Leckereien mit, mit denen ich mich stärke und verwöhne. Ich muss dafür am Tag des Nachtdienstes nicht kochen oder sonst was machen – es ist ja alles schon fix fertig vorbereitet. An normalen Tagen in meinem Leben ist das selten der Fall.

  1. In der Ruhe liegt eine Kraft

Kennt ihr die Stimmung, wenn es in der Stadt schneit? Ich finde, da wirkt auf einmal alles ganz ruhig und leicht und schön. Im Laufe des Nachmittags und Abends ändert sich die Stimmung in einem Krankenhaus auch so ähnlich. Es sind weniger arbeitende Menschen da. Das geschäftige Treiben nimmt ab. Es liegt mehr Ruhe in der Luft, selbst wenn sehr viel zu tun ist. Ich kann mich dann besser konzentrieren. Es reden nicht so viele Menschen und es piept oder klingelt nicht dauernd irgendwo. Ich werde weniger oft angesprochen und unterbrochen. Ich liebe das wirklich. Ich kann ohne Ablenkungen effektiver arbeiten.

  1. Teamgeistparty

Abends wird meist gemeinsam Essen bestellt. Wir telefonieren uns zusammen, wir treffen uns, wir lachen, wir essen gemeinsam und sind gemeinsam müde oder auch nicht müde. Ich hatte so immer eine Art kleine Party, die je nach Kollegenschaft die gerade Dienst hatte, mal mehr und mal sehr lustig war. Bei uns hat das Abendbestellen immer die gleiche Abteilung organisiert und es war ein Ritual und ein wichtiger Austausch. Leider war es nicht in allen Krankenhäusern, in denen ich gedienstet habe so, und es hat mir gefehlt.

  1. Anerkennung von außen

Ganz ehrlich, wenn man mehrmals im Monat, auch an Wochenenden und vor allem so lange am Stück arbeitet, dann ist man einfach eine verdammte Heldin.

Das wird von meinem Umfeld schon mit Respekt und Hochachtung anerkannt. Natürlich auch mit völligem Irr- und Wahnsinn – wie man das schaffen kann, weil es für einen „Normalo“ einfach nur komplett verrückt ist. Ich versuche diese Achtung anzunehmen und lasse sie sich als warmweiches Gefühl in mir ausbreiten.

  1. Arbeitspensum

So viele Leute arbeiten nicht mal 25 Stunden in einer kompletten Woche. Unsereiner eben an einem Tag. Wenn man also für 40 Stunden angestellt ist, und diese auch nicht regelmäßig hoch überschreitet, dann hat man ja schon einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit hinter sich. Mit einem Wisch.

Das kann schon praktisch sein.

  1. Ausreden

„Da kann ich leider nicht, da habe ich Nachtdienst.“.

Menschen, die nicht „Nein“ sagen können, haben eine super Ausrede.

Ich habe einmal mitbekommen, wie sich ein älterer Kollege absichtlich für den Tag einer Familienfeier einen Nachtdienst einteilen hat lassen. Alle im Team haben verständnisvoll und neidisch darüber gelacht.

  1. Das Gefühl den Laden gerockt zu haben

Wenn ich den Nachtdienst überstanden habe und in der Morgenbesprechung alles an meine Kolleginnen des Tagdienstes übergeben habe, dann stellt sich bei mir fast immer ein ganz spezielles Gefühl ein. Ein richtig gutes Gefühl. Es fühlt sich so an, als hätte ich eine schwere Prüfung bestanden, im Lotto eine Million Euro gewonnen, als könnte ich fliegen, als wäre ich auf der coolsten Party des Jahres und Brad Pitt hätte mich nach meiner Nummer gefragt.

Kurzum: es ist ein absoluter Glückskick. Und das völlig drogenfrei!

Ausnahmen sind mir natürlich passiert, vor allem wenn tragische Dinge geschehen, die außerhalb unseres Wirkungsbereiches liegen. Aber in meiner bisherigen Karriere war das Gott sei Dank selten der Fall.

Und so fahre ich dann morgens, in meinem Superflitzer-Auto nach Hause, höre laut Musik, singe und feiere mich, dass ich den Laden gerockt habe.

  1. Postdienstlich sein

Der Tag nach dem Nachtdienst ist für mich immer ein Pausentag. Ein ruhiger. Wo ich mir nichts vornehme, wo ich im Bett liegen kann und an dem meine Kinder bis 15:00 Uhr (nicht von mir) betreut sind. Das ist so viel Zeit nur für mich, wie ich sie sonst einfach nicht habe. Klar, ich bin erschöpft. Aber wie schön ist es, wenn man müde im Bett liegen und schlafen oder fernsehen darf!

Lieben werde ich Nachtdienste wohl niemals, aber ich habe mein unangenehmes Gefühl ihnen gegenüber komplett ins Positive switchen können.

Denn es ist doch so, wenn dir in deinem Leben etwas nicht gefällt, dann lerne die Sache zu lieben, ändere etwas oder verlasse die Situation.

Und aufgeben wollte ich nicht.


Alles Liebe,

deine Sandra