25 Stunden Nachtdienst – Meine Strategien

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Wenn man in einem Krankenhaus arbeitet, kommt man um das Thema „Nachtdienst“ wohl nicht herum. Es gehört einfach dazu. Ich persönlich bin kein Fan von Nachtdiensten. Ich finde es ganz schrecklich so viele Stunden am Stück zu arbeiten und ich frage mich schon immer, warum das in gerade diesem Beruf überhaupt erlaubt ist. 

Ich denke, dass es unter anderem deshalb nicht verboten ist, weil sich bisher niemand ernsthaft darüber beschwert hat. Die PatientInnen nicht, und die Ärzteschaft selbst auch nicht. Ich glaube, wir haben es einfach akzeptiert, dass es so ist. Wer kann, lebt damit, wer nicht damit leben kann, der muss eben in einem anderen Bereich arbeiten. 

Da ich meine Ausbildung gerne abschließen wollte und diese mehr oder weniger an den Krankenhausbetrieb gebunden ist, habe auch ich mich mit den Nachtdiensten arrangiert. 

Von meinem ersten Tag an, habe ich versucht dazu zu lernen und den gleichen „Fehler“ nicht zweimal zu machen. Damit meine ich jetzt keine fachlichen Fehler, keine Sorge! Ich rede von der Perfektion was Arbeitsabläufe betrifft, von der Organisation, wenn vieles auf einmal anfällt, und vor allem von der Art wie man es schafft, körperlich und geistig 25 Stunden durchzuarbeiten und sich dabei trotzdem halbwegs wie ein Mensch zu fühlen. 

Aber nun langsam und der Reihe nach: 

Wie kann ich 25 Stunden lang am Stück arbeiten?

Es ist zwar erstaunlich, aber es geht. Und zwar basierend auf mehreren an meinem eigenen Leib schmerzlich erlebten Erfahrungen. Ich sage hier gleich dazu, dass ich keine Ahnung habe, wie die anderen Ärztinnen und Ärzte das so machen, und dass es womöglich KollegInnen gibt, die sich darüber wundern werden was jetzt folgt. Viele werden den Dienst wohl einfach machen ohne darüber nachzudenken wie. 

Aber: Ich arbeite ganz unten in der Nahrungskette. 

Ich werde wegen JEDEM und ALLEM als Erste angerufen. Ich bin keine Oberärztin, die vielleicht mehr Ruhe hat. Ich mache die Arbeit, die keiner gerne machen will. Das hat auch viel mit Dokumentation, Schreibarbeit, Organisation und teilweise auch nicht-ärztlichen Aufgaben zu tun. Mein Nachtdienst ist also sicherlich ein anderer als der eines Oberarztes, der einen Assistenzarzt unter sich hat und vielleicht auch in einem Fachbereich arbeitet, der nachts ruhiger ist. Ich habe kleine Kinder, die ihre Mama brauchen und für die ich am nächsten Tag da sein muss. Ich muss mich so versorgen, dass ich die nächsten Tage nach dem Nachtdienst auch gut funktionieren kann und nicht wie ein Halbzombie auf der Couch dahin vegetiere nur um am nächsten Tag im Krankenhaus da weiterzumachen, wo ich aufgehört habe. Ich habe neben meinem Beruf ein Leben, das ich gerne gesund genießen möchte.

Also, da sind sie nun, meine gut bewährten, erprobten Dienst-Regeln:

Nummer eins: die Trinkregel

Für mich ist es sehr wichtig, dass ich bereits den Vormittag über eine Flasche Wasser trinke. Ich habe egal wo ich bin, immer eine  Wasserflasche stehen. Eine Flasche steht in der Ambulanz, eine in der Nähe des Computers auf der Station. Wenn ich das nicht so mache, trinke ich nicht. Warum? Weil ich eigentlich keine Zeit habe zu trinken. Ohne meine Flüssigkeitszufuhr bekomme ich sehr trockene Lippen, werde müde und habe spätestens am frühen Nachmittag Kopfschmerzen. Wenn ich im Nachtdienst, nicht ganz bewusst sehr oft trinke, ist am nächsten Tag mein Kreislauf im Keller. Mir wird dann schwarz vor Augen, sobald ich aus dem Bett oder von der Couch aufstehe. Ich kann mich nicht um meine Kinder kümmern, wenn ich postdienstlich präkollaptisch bin. Also: TRINKEN. 

Regel Nummer zwei: der Essenscodex

„Ich habe jetzt gerade keine Zeit zu essen!“. Dieser Satz hat während dem Großteil meiner Nachtdienste in jeder Minute seine Richtigkeit. Die Aufgaben hören nie auf. Es gibt immer etwas zu tun. Dennoch bin ich ein Mensch und MUSS essen. Vor allem, wenn ich so lange Zeit durchhalten muss. Und nicht nur durchhalten, sondern eben wichtige Entscheidungen treffe, eine große Verantwortung Menschen gegenüber trage und es stressig ist. 

Deshalb ist es wichtig, dass ich esse, wenn ich Hunger habe. Und auch dann, wenn ich normalerweise esse. Normalweise esse ich zum Beispiel nicht um 01:00 Uhr morgens. Darum versuche ich das im Nachtdienst auch nicht zu tun.

Doch wie lassen sich Essen und Stress im Nachtdienst koordinieren?

Ich habe immer eine riesige Sporttasche mit, wenn ich in den Dienst komme. Sowohl mein Mann als auch einige meiner (interessanter Weise ausschließlich männlichen) Kollegen ziehen mich deshalb regelmäßig mit einer großen Begeisterung auf. 

Diese Tasche beinhaltet unter anderem ein großes Maß an Essen! Ich fahre meist in der Früh direkt vor der Arbeit in einen Supermarkt und kaufe mir frische, leckere Sachen, die mich erfreuen. Zwei Bananen, Cashew-Nüsse, einen Schokoriegel, ein köstlich belegtes Weckerl und etwas als Frühstück für den nächsten Tag. Von daheim bringe auch etwas mit. Dadurch habe ich immer etwas Essbares dabei und bin nicht abhängig von vor allem am Wochenende stark beschränkten Kantinen- Öffnungszeiten oder Lieferdiensten. 

Ich bin der Typ Mensch, der öfters und dafür wenig isst. Und das versuche ich auch während des Dienstes so zu machen. Wenn ich esse, wenn ich Hunger habe, dann geht es mir durchgängig relativ gut und ich kann konzentriert und effektiv arbeiten. Die Arbeit im Krankenhaus richtet sich halt dummerweise kaum danach, wann ich Hunger habe. Vorgesehen ist lediglich eine Mittagspause. Wenn es sich ausgeht. Bis dahin ist jedoch ein Mensch von meiner Konstitution schon dekompensiert. Also brauche ich meinen ersten Snack meistens schon am Vormittag. Im besten Fall in fünf Minuten Ruhe in der Stationsküche. Das ist bisher leider noch nie passiert. Ich gestehe, meinen Kornspitz meist nebenbei gestresst, heimlich und versteckt in mich hinein zu stopfen. Und das ist noch appetitlich ausgedrückt. 

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir eine Frühstückspause nicht zu steht und ich habe bisher auch niemanden von den Ärztinnen und Ärzten gesehen, die am Vormittag essen! Das ist schon verwunderlich. Wenn ich unterzuckert bin, dann werde ich fahrig, grantig und unkonzentriert. Dann mache ich Sachen, die alles verzögern und es am Ende noch länger dauert. Damit meine ich wieder keine medizinischen Fehler, sondern Dinge wie, ich vergesse die Diagnose zu kodieren, bevor ich den Arztbrief diktiere und muss es dann extra nochmal eingeben, ich verklicke mich und der Computer braucht deshalb wieder drei Minuten länger, ich vergesse die Laborergebnisse nachzuschauen, bevor ich eine Zuweisung zu einer Untersuchung mache und kann dann das Laborprogramm nicht mehr einsehen und so weiter und so fort.

Also esse ich verstohlen und versteckt einen Vormittagssnack. 

Am Nachmittag ist das entspannter. Dann habe ich mein eigenes Dienstzimmer, in das ich mich zurückziehen kann. Sehr oft bleibt eigentlich keine Zeit um zu Essen, aber da ich weiß, wie wichtig das für mich und meine Arbeitsqualität ist, mache ich es einfach trotzdem, auch wenn es sich eigentlich nicht ausgeht. Die meisten Dinge können diese drei Minuten warten. Und dafür gehen sie danach viel schneller und einfacher von der Hand. In unserem Haus bestellt eine der Abteilungen jeden Abend Essen. Das ist total schön. Nur, wenn viel los ist, kann es auch schon mal 21:00 Uhr werden bis wir dazu kommen zu bestellen bzw. zu essen. Das ist mir zu spät. Ich habe viel früher Hunger und mir ist aufgefallen, dass wenn ich so spät noch esse, und dann meistens etwas Ungesundes wie Fast Food oder Pizza, sehr müde werde und, falls ich schlafen kann, sehr schlecht schlafe. 

Deshalb ist es mir am aller Liebsten, wenn mir mein Mann am Vorabend ein vegetarisches Curry kocht, das ich mir dann mitnehme. Nichts auf der Welt schmeckt so gut, wie sein Curry, wenn ich so hungrig bin, dass ich ein Wildschwein verschlingen könnte. 

3. Take-a-break whenever you can-Regel

Ich habe beobachtet, dass einige meiner Kolleginnen und Kollegen in den wenigen Minuten, in denen sie nichts zu tun haben, mit anderen plaudern. Das ist total sozial und toll. Und ich plaudere auch wahnsinnig gerne. Aber: wenn ich während 25 Stunden, jede freie Minute plaudere, dann habe ich das Gefühl auszubluten. Ich bin der Typ, ich erledige meine Aufgaben zackig hintereinander und nutze dann jede freie Minute um auf mein Zimmer zu gehen. Ich kann mich dort sehr schnell wieder aufladen und Kraft tanken. Schon ein paar Minuten Ruhe und alleine sein, lassen es mich danach wieder frischer angehen. 

Auf ruhigeren Abteilungen hatte ich später immer mein iPad dabei, mit runter geladenen Folgen einer Serie. Je mehr Folgen ich im Nachtdienst gesehen habe, desto besser war der Dienst! Achtung: Ladekabel nicht vergessen. 

4. – Frischluft atmen

Und dann kommt noch das Sahnehäubchen meiner „tutmirgutimdienstregeln“. Ich atme  immer wieder frische Luft ein. Ich stell mich an ein Fenster oder dorthin wo andere rauchen, wenn sie nicht gerade rauchen und atme. Ich finde es ganz furchtbar 25 Stunden lang nur die klimatisierte oder geheizte Krankenhausluft zu atmen. 

Number five: Organisation ist alles

Was für mich auch unabkömmlich ist, ist eine To-Do-Liste. Ich liebe Listen generell. Aber im Nachtdienst ist es oft so stressig und es gibt so viele Probleme, die man gleichzeitig lösen muss, dass ich so manches schlichtweg vergessen würde, wenn ich es mir nicht sofort aufschreibe. In einem Krankenhaus war ich ab 19:00 Uhr beispielsweise für zwei Stationen und die Ambulanz zuständig. Da passierte es regelmäßig, dass ich telefonische Fragen beantwortete, während ich gerade mit einem Patienten beschäftigt war. Dann schrieb ich beispielsweise gleich auf meinen Zettel: Station 3: bei Herrn sowieso dieses und jenes Medikament um 22:15 Uhr einschreiben, wenn ich dieses z.B. telefonisch verordnen konnte. 

Was auf der Liste erledigt ist wird durchgestrichen, und zwar so, dass man es trotzdem noch lesen kann. So kann ich entspannt sein, weil ich nicht mehr daran denken muss es zu vergessen und ich behalte den Überblick über meine ausständigen Aufgaben. Ein Medikament in der Kurve nachzutragen würde ich auf einer Prioritätenskala hinten anordnen. Vielleicht fallen noch weitere Sachen an, die ich in diesem Stockwerk später gleich miterledigen kann. Dann ist es in einem Aufwasch getan und ich erspare mir Treppengerenne, Liftfahrten und bin in meinem Zeitmanagement effektiver.

Und nun zu den fail stories, auf denen meine Regeln beruhen.

In meine Anfangszeiten habe ich nie Pausen gemacht. Ich habe kaum getrunken, oft habe ich um Mitternacht das erste Mal gegessen. Damals hatte ich bloß einen Snickers in meiner Tasche eingepackt, den ich zwischendurch verschlungen habe bevor ich umgekippt bin, weil mir schon so übel war vor Hunger. Hier steht ein Automat, schnell hau ich mir ein Cola. Nach wenigen Monaten musste ich mir in der Wäscherei eine weitere Hose bestellen, weil ich drei Kilo zugenommen hatte. Meinen anderen jungen Kolleginnen und Kollegen ging es nicht anders! Die Burschen Ende zwanzig hatten alle ein Bier- Bäuchlein wie 40-jährige! Sie waren es vom Studium gewohnt Sport zu machen für den sie jetzt A zu müde waren und B sowieso keine Zeit mehr hatten. 

Zu Beginn meines Wiederanfangs nach der Babypause trank ich im Nachtdienst unglaublich viel Koffein. Viel Kaffee, Energy drinks, Coca Cola… In meinem ersten Dienst lag ich um zwei Uhr morgens endlich im Bett und konnte nicht einschlafen, weil mein Herz zu schnell klopfte. Ich habe meinen Puls getastet, der bei 110/min lag, was ungefähr 30 Schläge über meinem normalen Ruhepuls lag! An Schlaf war nicht zu denken! Es war eher ein unruhiges hin- und her Gewälze mit grauslichem Gedanken-Gekreise über Patienten, die Ambulanz, die Aufgaben die ich in der Früh noch machen muss und vor allem darüber, dass jeden Moment mein Telefon läuten könnte. Was, wenn ich es nicht höre? Ist der Ton aus? Was wenn der Akku leer wird und es sich abdreht? Ist es eingeschalten? Was wenn es läutet und ich nicht weiß wie ich das Problem lösen soll? Es war eine schreckliche Nacht. 

Deshalb trinke ich seitdem im Nachtdienst nach 16:00 Uhr kein Coffein mehr. Es kommt doch regelmäßig vor, dass man sich gegen 01:00 Uhr früh für ein paar Stunden hinlegen kann und es ist sehr ärgerlich für mich, wenn ich dann nicht einschlafen kann. 

Meinen Koffein-Vorsatz habe ich nur einmal verletzt und das war gut so. Er ist damals mit meinem Gefühls-Vorsatz kollidiert. Mein Gefühls-Vorsatz besagt, dass ich auf mein Bauchgefühl höre. Es sind meistens Kleinigkeiten, die es mir sagt, aber ich habe aufgehört es zu ignorieren, weil es sich fast immer sehr lohnt, wenn ich darauf höre. In einem meiner letzten Nachtdienste ging ich gegen 20:00 Uhr am Getränkeautomaten vorbei. Und da lachte mich doch dieser Energy-Drink an! So sehr, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief und er zu strahlen schien. Es war so, als hätte ich noch niemals so große Lust gehabt ein „Red bull“ zu trinken. Da der Dienst bisher sehr anstrengend war, habe ich es mir kurzerhand gekauft. Und das heißt was, denn es war ja schon ein relativ großer Verstoß gehen die Koffeinregel. In der Ambulanz trank ich es dann immer schluckweise während der Computer die Zeit nutzte um diverse Fenster zu öffnen. (Ich habe aufgehört zu fragen, wie es sein kann, in einem Krankenhaus so dermaßen langsame Computer zu haben. Was da an Arbeitszeit drauf geht! Was ich erledigen könnte, während der einfach nur das nächste Fenster öffnet.) 

Aber gut war sie, die Energydrink Entscheidung, denn das war mein aller erster Nachtdienst, in dem ich auch die komplette Nacht durchgearbeitet habe. Mein Curry aß ich um 22:00 Uhr obwohl die Ambulanz voll war. Aber ich wäre dort sonst kollabiert. Zu meiner Verteidigung – ich habe es nicht gegessen, ich habe es im Stehen herunter geschlungen, um mich danach sofort wieder den kranken Menschen zu widmen. Das erste Mal auf mein Zimmer kann ich um halb sechs Uhr morgens. Bauchgefühl schlug Koffein-Regel. 

Das alles ist natürlich ausbaufähig. Natürlich muss man sitzend und in Ruhe essen. 

Aber Hand aufs Herz – kommt es gut, wenn unglaublich viel zu tun ist und ich mich in diesem Moment entspannt in die Stationsküche setze und mein Weckerl auspacke? Ich denke nicht. Trotzdem ist es wichtig für uns, sich daran zu erinnern, dass wir Menschen sind und keine Arbeitsmaschinen. Wir müssen essen, wir müssen trinken und wir müssen Pausen machen. Und für ganz viele, und das weiß ich, sind diese drei mini kleinen Dinge, die sich so selbstverständlich anhören, ein Ding der Unmöglichkeit. Und es ist auch okay mal sehr lange nichts zu essen. Du wirst es überleben. Du wirst auch diese fünfundzwanzig Stunden rumbekommen. Ganz klar! Aber es geht erstens darum WIE du dich dabei fühlst und zweitens geht es darum, dass du diesen Beruf ja noch lange Zeit ausüben willst und musst! Wenn du dich jeden Nachtdienst schlecht behandelst, dann wirst du dafür eines Tages die Konsequenzen tragen. Also bitte, bitte achte auf dich! Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben und deine PatientInnen wollen dich noch lange und vor allem gesund als ihre Ärztin haben. 

In diesem Sinne: Sei lieb zu dir und hab einen ruhigen Dienst!

Deine Sandra

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